Alita: Battle Angel (2019) by Robert Rodriguez; © Lightstorm Entertainment / Twentieth Century Fox

„Alita: Battle Angel“ ist Unterhaltsamer Genrespaß

4 minutes

Es gibt wohl kaum ein Genre, das so fundamental mit einer Thematik verknüpft ist, wie Cyberpunk es mit Kapitalismuskritik ist. Dafür ist das Thema zu sehr in der DNA des Sci-Fi-Subgenres verstrickt. Und dafür bringen auch die Motive, auf die seine Geschichten häufig zurückgreifen, die Ungerechtigkeiten jenes Systems zu gekonnt ans Tageslicht (beziehungsweise ins Neonlicht übergroßer Werbetafeln). So versucht auch Alita: Battle Angel, der neue Film von Kult-Regisseur Robert Rodriguez, sowohl durch das Design seiner futuristischen Welt als auch durch die Geschichte, die er in ihr erzählt, sichin die lange Liste der systemkritischen Science-Fiction-Filme einzureihen. Gleichzeitig lässt es sich Rodriguez aber auch nicht nehmen, diese Manga-Verfilmung als effektlastiges und visuell verspieltes Actionspektakel zu verwirklichen, das die Freiheiten für unorthodoxe Designs und gewitzte Kampfsequenzen, die das Genre bietet, zur Gänze ausnutzt. Was zu einem Film führt, dessen oft wundervolle Teile nie ganz zusammenpassen wollen, der aber trotzdem ohne Zweifel im Gedächtnis bleiben wird.

Wir schreiben das Jahr 2563, etwa 300 Jahre nach dem „großen Krieg“, bei dem elf der ursprünglich zwölf Himmelsstädte untergegangen sind. Die daraufhin entstandene dystopische Zweiklassengesellschaft liefert den Schauplatz des Films. Sie besteht aus Zalem, die einzig verbliebene der Himmelsstädte, und dem daruntergelegenem Iron City, das sowohl als Müllkippe von als auch als Fabrik für Zalem fungiert. Und das überfüllte Zuhause ist von allen, die nicht das Glück hatten, in Zalem geboren worden zu sein. In eben jener Müllkippe im Herzen von Iron City findet der Wissenschaftler Dyson Ido (Christoph Waltz) die Überreste eines Cyborgs, die er in seiner Werkstatt mit einem geeigneten Körper versieht und Alita tauft, in Anlehnung an seiner verstorbenen Tochter. Doch obwohl Alita (Rosa Salazar) keinerlei Erinnerungen mehr an ihr früheres Leben hat, stellt sich schnell heraus, dass sie selbst in dieser Welt, in der Cyborgs und künstliche Körperteile schon seit langem zum Alltag gehören, aus der Masse hervorsticht.

Denn während sie versucht, sich selbst kennenzulernen, schrittweise herausfindet, was ihr Lieblingsessen ist und Gefallen an dem charmanten Draufgänger Hugo (Keean Johnson) findet, entpuppt sie sich, zur Überraschung ihrer Mitmenschen und vor allem auch von Alita selbst, als tödliche Kampfmaschine. Die, in bester Bruce Lee-Manier, schneller furchteinflößende Cyborgs in ihre Einzelteile zerlegt als diese „Battle Angel“ sagen können. Was folgt ist eine Geschichte, deren Bausteine den meisten Cyberpunkfans bereits bekannt vorkommen werden. Eine, die von dem Verlangen, dem unmenschlichem Status Quo zu entfliehen, getrieben ist. Die von einer unkonventionellen Liebe erzählt, angeführt von einer Hauptfigur mit einer schleierhaften Vergangenheit und ihrem Versuch, sich den oppressiven Regeln des Systems zu widersetzen. Wer also in Alitas Handlung nach Parallelen zu früheren Genreperlen sucht, wird reichlich fündig werden. Wo sich der Film jedoch von der Menge abhebt, ist in der Weise, wie Rodriguez diese altbekannten Elemente auf die Leinwand zaubert. Es haben schon in vielen Filmen Cyborgs im Kampf für eine bessere Zukunft Gliedmaßen verloren. Selten jedoch wurde es mit einer Kreativität, Konsequenz und einem Spektakel inszeniert, wie sie dieser Film an den Tag legt.

Diese erfrischende, teilweise kindlich anmutende Verspieltheit, mit der Alita seine Handlung in unterhaltsames Action-Kino verwandelt, gipfelt in Motorball. Eine, an den Film Rollerball von 1975 angelegte, Sportart, die am besten beschrieben ist als eine Mischung aus Rollerderby, BattleBots und einer Überdosis Adrenalin. Es ist ein Ballett der Zerstörung, an das nur wenige moderne Blockbuster rankommen. Thematisch erfüllen die Motorball-Spiele denselben Zweck, wie die Gladiatorenkämpfe es in Rom taten. Eine blutrünstige Ablenkung für die Massen, um sie davon abzuhalten, gegen die herrschende Elite zu rebellieren. Es ist ein durchkalkuliertes Schauspiel, bei dem die Männer in den Anzügen im Hintergrund die Strippen ziehen. So auch Vektor (brillant gespielt von dem unvergleichbaren Mahershala Ali, in einer unkonventionellen Doppelrolle), der den Antagonisten des Films gibt.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Alita wenig neues auf thematischer Ebene zu bieten hat. Das Skript, das unter anderem auch aus der Feder von James Cameron stammt, ist nicht in der Lage, die guten Ideen, die es zweifellos hat, in ein ausdrucksstarkes Ganzes zu formen. Die Schreiber scheinen sich dessen jedoch bewusst, und geben Rodriguez daher viel Freiraum, den Film mit seinen audiovisuellen Einfällen dennoch in unterhaltsame Kapitalismuskritik zu verwandeln. Hilfe bekommt er dabei von sehenswerten computergenerierten Effekten, die zwar oft wie aus einem Videospiel (oder, in wenigen Einzelfällen, aus der Spy Kids Filmreihe) wirken, jedoch so kreativ umgesetzt sind, dass ihre Künstlichkeit dem Spaß keinen Abriss tut. Es ist durch und durch hochwertiges Popcorn-Kino. Zeitweise lässt der Film das Potential aufblitzen, auch mehr als das zu sein. Wenn er uns mit eleganten Stilmitteln bedeutungsschwangere Spiegel vor die Nase hält. Doch auch ohne diese Momente voll auszuerzählen, ist der Film auf jeden Fall ein Kinogang wert.

Discover more from

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading