Petra Volpes Heldin endet mit Sätzen, die uns so oder so ähnlich schon oft begegnet sind. In schlichter weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund macht uns der Film auf die Probleme aufmerksam, mit der das Pflege- und Gesundheitswesen kämpft, und wie viel schlimmer sie in der Zukunft noch zu werden drohen. Dass der Mangel an Pflegekräften als akutes Gesundheitsrisiko eingestuft wird. Dass es 36% des Personals keine vier Jahre im Beruf aushält. Doch erst wenn einem diese Fakten und Zahlen in den finalen Sekunden des Films ins Gesicht schauen, wird greifbar, wie erschreckend und tragisch sie wirklich sind. Denn mit ihrem neuen Film verleiht Volpe ihnen ein Gesicht und eine Lebensrealität, die diese abstrakten Daten zum Leben erwecken. Sie holt die Konsequenzen ans Licht, die sich hinter ihnen verbergen, die aber in der Regel durch die Mathematik solcher Sätze untergehen.
Es gibt wenig, das uns über das Privatleben der titelgebenden Pflegefachfrau Floria Lind erzählt wird. Zu Beginn des Films sitzt sie bereits im Bus auf dem Weg ins Krankenhaus. Und sobald sie, nach Ende ihrer Schicht, erschöpft im Bus zurück nach Hause sitzt, gönnt der Film Floria ihre wohlverdiente Ruhe und schneidet zu schwarz. Während ihrer Schicht ist an persönliche Details erst recht nicht zu denken, dafür bleibt schlicht keine Zeit. Wenn du konstant an fünf verschiedenen Orten gleichzeitig gebraucht wirst, weil das Personal zum wiederholten Mal unterbesetzt ist, ist für die Person, die du außerhalb der Wände des Krankenhauses bist, einfach kein Platz mehr. Volpe deutet zwar gelegentlich auf einzelne Details hin. Wir erfahren, dass sie geschieden lebt und eine Tochter hat. Doch während ihrer Schicht ist Floria vor allem eines: was auch immer ihre Patient*innen und das Krankenhaus gerade brauchen.
Für eine krebskranke Mutter ist sie Therapeutin, für eine an Demenz leidende Frau Altenpflegerin, für die unerfahrene Aushilfekraft Aufpasserin, für eine verstorbene Patientin Bestatterin, für ihre Tochter eine Mutter und für das Krankenhaus nur eine weitere Angestellte. Volpes Kamera klebt dabei den ganzen Film über an Florias Fersen und fängt jeden einzelnen ihrer geübten Handgriffe und Charakterwechsel ein. Und verlässt sie auch in den seltenen und wertvollen Momenten nicht, in denen Floria nicht doppelt und dreifach beschäftigt ist. In denen Floria nicht Therapeutin, Altenpflegerin oder Aufpasserin ist, sondern Floria. Am Ende des Tages ist sie auch nur ein Mensch, der genauso müde, fertig, emotional aufgewühlt und verzweifelt ist wie es von so einer kräftezehrenden Arbeit zu erwarten ist. Sobald sie aber bei ihrem nächsten Patienten oder ihrer nächsten Patientin ist, rücken all diese Beschwerden wieder in den Hintergrund, und es ist nichts so wichtig wie die Gesundheit der Person, die vor ihr liegt.
So kämpft sich Floria unermüdlich durch ihre Schicht. Nicht einmal für eine klassische Dramaturgie oder eine Charakterentwicklung hat Floria Zeit, für solche filmischen Elemente fehlt einfach der Platz, wenn sich Problem nach Problem unaufhörlich aneinanderreiht. Kaum ist eine Baustelle abgeschlossen, sind schon drei weitere aufgetaucht, bei denen Florias Hilfe dringend benötigt wird. Nur bedeutet in diesem Kontext jede Baustelle eine Person, die Schmerzen, Angst oder meistens beides hat. Es sind Personen, die mehr als nur Patient:innen sind, die oft in so prekären und komplexen Situationen stecken, dass sie einen eigenen Film und eine eigene Pflegekraft verdient hätten. Doch der Film hat nur 90 Minuten und Floria nur zwei Hände. Was zu Kompromissen führt, wo es keine geben sollte, und Floria nur Minuten für Personen hat, bei denen sie für Stunden gebraucht wird. So spiegelt der Film das Paradox wider, in das die Politik Floria täglich manövriert. Wo zu viel in zu wenig Zeit gemacht werden muss. Und trotz – oder gerade wegen – diesem Wissen bleibt ihr nichts übrig, als unaufhörlich und unermüdlich gegen diesen ewigen Berg an Aufgaben anzukämpfen.
Es fällt schwer, beim Schreiben über den Film nicht in das Pathos zu fallen, das Volpe so bewusst vermeidet. Heldin, der von Madeline Calvelages Buch Unser Beruf ist nicht das Problem: Es sind die Umstände adaptiert wurde, behandelt zwar eine fiktionale Geschichte, er erzählt dabei jedoch ausschließlich von realen Weltverhältnisse. Der Film handelt vom hier und jetzt, von den aktuellen Situationen in Krankenhäusern, von den echten Leben, die direkt betroffen sind. Volpe macht sich auch nicht auf die Suche nach den Verantwortlichen für diese offensichtlichen Notlagen, oder versucht sie gar zur Rechenschaft zu ziehen. Die findet man ohnehin nicht innerhalb der Wände des Krankenhauses, sondern weit außerhalb von ihnen. Vielmehr ist Heldin ein eindringlicher Hilferuf. Er skizziert einen Normalzustand, der bei Weitem zu unmenschlich ist, als dass er jemals hätte normalisiert werden dürfen. Gegen den selbst Floria, das Musterbeispiel einer Pflegefachkraft, nicht mehr ankommen kann. Und endet mit einer Warnung, die von einer noch prekäreren Zukunft spricht.
Danke Dir fürs Lesen <3


